Suche
  • Mira Wieland

Der erste große, unsachgemäße Schnitt an einem Baum, führt oft zu Schädigungen!

Wir, ERDENREICH, kommen nun langsam in unserem eigentlichen Wirken an, nämlich dem Erhalt der Bäume.


Die Kastanie, um welche es hier geht, ist gerade einmal 15-17m hoch und noch nicht wirklich alt. Sie steht direkt am Haus und ist umsäumt von höheren Bäumen, welche das Grundstück abgrenzen. Also, wie so oft hier in Ostfriesland.


Warum steht die Kastanie dort und warum so direkt am Haus?


Weil kluge Menschen einst, diesen Baum an das Haus pflanzten, um Staunässe – gerade im Winter – zu vermeiden.


Früher gab es noch keine Drainagen, wie wir sie heute kennen. In diesem Teil des Gartens – neben der Terrasse und am Haus – ist der Boden trocken und man kann die Wiese immer gut betreten. Dafür sorgen die Versorgungsbahnen des Baumes.


Wie so oft wurde dieser solitär stehende Baum durch einen einzigen Schnitt geschädigt und somit das Problem herbeigerufen, um welches wir uns nun kümmern sollen.

Dieser Kastanie wurde vor Jahren ein Stark-Ast entnommen, nämlich der, der zum Haus hin reicht und vermutlich über das Dach hing. Offensichtlich ist dieser Stark-Ast im Winter entnommen worden, sodass – wie wir nun alle wissen – Bakterien und Fäule verursacht haben, weil der Baum die Kappstelle nicht verschließen konnte. Außerdem wurde dieser Baum aufgeastet. Heißt, ihm wurden weiter Wunden zugefügt, mit welchen er außerdem beschäftigt war, diese zu verschließen.




Kurzum, dem Baum wurde so sehr geschadet, dass sich über viele Jahre hinweg eine Kernholzfäule entwickelte, die nun ihre Auswirkungen deutlich zeigt.


Als ich diesen Baum das erste Mal sah, fand ich ihn einfach nur überragend in seinem Habitus. Er schien vital, voller Blätter, Frucht bildend und gerade gewachsen. Die Kundin hatte Alarm geschlagen, weil sich eine Höhlung am unteren Stamm befand, welche sich – quasi über Nacht – deutlich vergrößert hatte.


Dieser Höhlung ging ich nun auf den Grund und klopfte den Baum ab. Überall klang er hohl und doch machte er keinen geschädigten Eindruck. Weder befanden sich gedrehte Wasserschosse im Baum, noch war der Stamm auffällig geschädigt oder verdreht. Nur ein Pilzfruchtkörper, am Stammfuß und weitere kleinere im oberen Bereich auf ca. 2m, verleitete mich dazu, den Baum genauer zu kontrollieren.



Ich öffnete die Höhlung und drang tief in das morsche Innere vor. Weiches zweifarbiges Holz, fast schon Matsch, kam zu Tage. Viele Asseln und Spinnen waren hier bereits im Kernholzmatsch eingezogen, welche dabei sind, dieses Kernholz sukzessive in Humus umzuwandeln. Sie tun, was sie tun – das ist ihre Aufgabe! Ich steckte bereits Ellenbogentief im Wurzelbereich der Kastanie, als die Kundin neben mir steht, mit Tränen in den Augen. Sie sieht den Baum bereits verloren.


Nach Entnahme des Materials aus dem Inneren des Baumes, stoße ich auf festes Gewebe im Außenbereich. Die Kastanie hat es über einige Jahre geschafft, sich zu stabilisieren und festes Holz an den Wurzelausläufern zu bilden. Sie steht quasi da, wie der Eifelturm: im Inneren hohl, wohl aber gestützt durch Träger außen.


Dieser Baum hat eine Lösung für sich gefunden, sich zu stabilisieren; sich neu aufzustellen und sich zu erhalten.

Die Fäule ist fortgeschritten, aber die Restwandstärke beträgt an der schmalsten Stelle 7cm und am stärksten Teil 20cm. Das reicht aus, den Baum in Balance zu halten, ihn zu versorgen und ihn locker noch für die kommenden 10-15 Jahre zu erhalten. Nur mein Gefühl. Wahrscheinlich steht diese Kastanie noch 30-50 Jahre superstabil da, trotzt auch weiter den starken Winden und bildet weiter Blüten und Früchte.

Ich für meinen Teil, habe gar kein Problem damit, in diesen Baum zu klettern, weil ich weiß, dass er mich hält! Und das wird er auch noch viele Jahre – da bin ich mir sicher.


Und wie es das Schicksal will, meldet sich die Kundin, einen Tag nach der Kontrolle und gibt Meldung darüber, dass wohl ein Siebenschläfer die Höhlung bezogen hat. Dieser steht zwar noch nicht auf der roten Liste der zu schützenden Arten, ist aber dennoch ein Wildtier, was in der Höhlung der Kastanie ein Zuhause gefunden hat um zu nisten und sich fortzupflanzen.


Somit ist und bleibt diese Kastanie definitiv erhaltenswert und wertvoll. Sie wird lediglich im kommenden Jahr eingekürzt, um das Gewicht der Krone auf den Stamm, ein wenig zu reduzieren.


Fazit: Der erste große, unsachgemäße Schnitt an einem Baum, führt oft zur Schädigung an diesem. Es ist immer der erste Schnitt!

Wir können nur retten und nachschneiden und versuchen zu erhalten, aber dieser erste Schnitt, der ist nicht mehr zu korrigieren!


Denkt jeder einmal darüber nach. Der Baum an sich, reguliert sich selbst. Er braucht uns Menschen nicht für eine Korrektur. Wir müssen ihm nur die Zeit geben, diese Irritation zu beheben. Er ist in der Lage, sich selbst zu helfen und neu zu stabilisieren. Nur das allein zählt!


Und diese Kastanie?

Sie wird jetzt zum Habitat. Sie bietet unzähligen Lebewesen Lebensraum und wird Lebensraum für Siebenschläfer und Kleinstlebewesen – gleich welcher Art. Irgendwann wird sich diese Kastanie vollständig abgebaut haben, aber bis dahin vergeht noch gaaaaanz viel Zeit. Vielleicht sogar überdauert sie sogar mich!

Auch in einer scheinbar „kaputten“ Form, entstehen so viele neue Lebensräume!


Die Natur braucht uns nicht. Sie findet ständig neue Formen und geht neue Symbiosen ein. Wir aber brauchen sie, jeden Tag!


Bleibt weiter achtsam und schützt, was schützenwert ist.

90 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen